Skulpturenpfad

Enthüllung der Skulptur „Im Gleichgewicht“

Der renommierte Frankfurter Künstler Claus Bury konnte gewonnen werden, die erste Skulptur für den Pfad zu entwerfen. „Im Gleichgewicht“ lautet der Titel der 530 cm langen, 260 cm hohen und 86 cm breiten COR-TEN-Stahlskulptur, die sich auf einem niedrigen Sockel vor dem Friedrichsdorfer Rathaus erhebt. „Rhythmus in Form gegenläufiger Bewegungen, federnde Spannkraft in Form von Schwingung und Leichtigkeit kontrastieren den Eingangsbereich sowie die Fassade des Anfang der 1970er Jahre erbauten Rathauses, wobei die drei übereinander positionierten Elemente von Kreis, Ellipse und Balken im absoluten Gleichgewicht zueinander stehen., ein Balancieren verschiedener ineinander greifender Formen, die das Gefühl von Stabilität als auch von Labilität suggerieren“, so beschreibt der Künstler selbst sein Werk, das der Stiftungsvorstand am 08. Oktober 2006 feierlich der Öffentlichkeit übergab.

Offizielle Enthüllung der Skulptur „Im Gleichgewicht“

 

 

Das "Gleichgewicht" versteckt sich noch

Pressetext im Vorfeld der Enthüllung – Taunus Zeitung, 04.10.06 Friedrichsdorf.

Eigentlich hätte es niemand mitkriegen sollen. Eigentlich. Aber wie mal eben eine Tonne Kunst abladen, direkt vor dem Rathaus, ohne das es jemand sieht. Zumal am helllichten Vormittag. Zumal da sie auf einen Hänger von einer Größe ankommt, wie er sonst selten um die enge Ecke am Standesamt biegt. Nun also steht sie da: Claus Burys gründlich umstrittene Skulptur aus Corten-Stahl mit der charakteristischen Rostmaserung und dem Titel “Im Gleichgewicht”, und drei Männer und ein schwerer Eisenhaken ringen um genau das. Denn stabil muss es sein, darf nicht wackeln, das “Gleichgewicht”. Viele Frierichsdorfer sind an diesem regnerischen Montagvormittag nicht unterwegs. Einige der wenigen gehen denn auch ohne das Kunstwerk eines Blickes zu würdigen ins Rathaus oder daran vorbei. Andere belieben stehen und schauen ratlos, wie es manchmal vorkommt bei moderner Kunst. Die Männer, welche die Skulptur von der Metallfabrik Arnold im Thüringer Wald hierher begleitet haben tragen rote Overalls und dicke Arbeitshandschuhe. Sie lenken das “Gleichgewicht” mit einem Schwenkarm zentimeterweise auf den eigens dafür gegossenen Betonsockel. Mit fröhlichem Gesicht schauen zu Lars Keitel und Erwin Wilzek, die Kulturstiftung Friedrichsdorf welche das Kunstwerk bei Bury in Auftrag gegen hat. Nicht dabei ist Bürgermeister Horst Burghardt, der von nun an jedem Morgen auf seinem Weg zur Arbeit, ein Prise “Gleichgewicht” mit an seinen Schreibtisch nehmen wird und Standhaftigkeit und Kühnheit zugleich, denn das strahlt das Kunstwerk aus. Burghardt hat Sitzung. Die Skulptur hat Schwung. Der namhafte Frankfurter Künstler hat die senkrechten Betonstreben der Rathausfassade zweifach aufgegriffen. Eine bildet die Basis, die andere schließt das Kunstwerk ab, die Mitte aus zwei Kreisen und der dynamischen Ellipse, deren Spitze aufs Rathaus weist. Claus Bury trägt Freizeitkleidung in Erdtönen, wie ein Manager am Wochen ende. Er sieht nicht aus wie der klassische Künstler, hat kurze Haare, Brille, gepflegte Hände. “Falsch”, sagt er, “genau das habe ich befürchtet.” Das Kunstwerk steht verkehrt auf dem Sockel. Die Transportleute sind ratlos. Die Anweisung auf dem Lieferzettel war missverständlich. Also wieder den Eisenhaken und die breiten Gurte um die Skulptur gelegt. Der Dieselmotor der Lasters brummt und stinkt. Die Skulptur schwebt noch einmal überm Rathausplatz. Dann steht das “Gleichgewicht” richtig. “Die Rosen müssen weg, sie geben falsche Proportionen vor”, sagt Bury. In der Tat, das mit Zierquitten und roten und weißen Rosenstämmen irgendwie zufällig angelegte Beet wirkt provinziell und jetzt auch noch überflüssig, Wilzek sichert Entfernung zu, Bury sagt, dass er nichts gegen Rosen habe, nein, dass er Rosenliebhaber sei. Keitel lacht fröhlich, “Ich bin aufgeregt und zufrieden”, sagt er. Eigentlich müsste er jetzt am Klavier sitzen und üben für die Schweiz-Tournee am Wochenende. […] Aber das “Gleichgewicht” ist jetzt da, am rechten Fleck. Der Schwenkarm fährt zurück auf den Laster. Ein älterer Friedrichsdorfer begutachtet die Skulptur und sagt wie um sich selbst zu beruhigen: “Nun, sie steht ja noch nicht da.” Eine Frau sagt: “Ich sage lieber nicht, wie ich es finde.” Vermutlich ist es ihr zu rostig, zieht sie Schmiedeeisernes vor. Da hängen die Männer auch schon den großen weißen Plastikvorhang. Bis zur feierlichen Enthüllung am Sonntag 11Uhr haben alle Zeit, ihr Gleichgwicht zu finden.

Pressetext zur Enthüllung, Taunus Zeitung 09.10.06 Friedrichsdorf.

Das eifrig gehütete Geheimnis steckt unter vier schwarzen Tüchern. Aber gleich gibt es die Antwort auf die Frage, wie das „Gleichgewicht“ wohl aussieht. Die Jazz-Band spielt schon, Schnittchen stehen bereit. Zwei Ansprachen noch, dann wird die Skulptur namens „Im Gleichgewicht“, die Claus Bury geschaffen hat, vor dem Rathaus enthüllt. Der Vorstand der Kulturstiftung Friedrichsdorf hatte für gestern dazu eingeladen. Heftige Diskussionen hatte es Anfang des Jahres gegeben, über das Werk, das (fast) keiner kannte. Im Wahlprogramm der FDP war es plötzlich aufgetaucht. Man wolle keine teure Skulptur „aus rostigem Eisen“, heiß es da. Das Geld solle man lieber für wichtigere Dinge ausgeben. Die FDP-Fraktion war gestern auch auf den Rathausvorplatz gekommen, und die Liberalen schauten genauso neugierig wie die anderen Gäste zu dem verhangenen Objekt. 5,30 Meter lang ies es, 2,60 Meter hoch und 86 Zentimeter breit. Bürgermeister Horst Burghardt (Grüne), der gleichzeitig Vorsitzender der Kulturstiftung ist, nannte das neue Standbild ein „Hors D’Oeuvre“, einen Vorgeschmackt. Denn es soll den Auftakt bilden, für einen Skulpturenpfad. Jedes Jahr soll ein Künstler ausgewählt werden, der dann in der Stadt eine Skulptur aufstellen darf. Die dritte feste Aktivität der Kulturstiftung, nach dem Henninger Musikpreis und der Sommerakademie für junge Musiker, Bildhauer, Fotografen und Schriftsteller. 20 000 bis 30 000 Euro kann die Stiftung jedes Jahr ausgeben. Das Geld sind die Zinserträge aus den Mainova-Geldern, die die Stiftung jedes Jahr von dem Energieversorger bekommt. Es ist der Ausgleich für entgangene Gewerbesteuer. Denn seit die Mainova im Jahr 2000 zusammen mit der Stadt Frankfurt eine Holding gegründet hat, ist Friedrichsdorf die Steuereinnahmen los. Für die 60 000 Euro teure Skulptur hat das Stiftungsgeld natürlich nicht gereicht. Deshalb hat die Friedrichsdorfer Metallverarbeitungs-Firma Arnold, die das Kunstwerk gebaut hat, einen Freundschaftspreis gemcht und die Stiftung der Nassauischen Sparkasse hat, als größter Sponsor, 13 000 Euro zugeschossen. „Moderne Kunst gefällt nicht jedem“, sagte der Bürgermeister. Genau wie klassische Musik, Rockmusik und Volksmusik nicht jedermanns Sache sein. Aber wer das Werk jetzt sehe und dann sage, „das hätte ich auch gekonnt“, der habe die Chance, selbst eine Skulptur zu entwerfen und sich nächstes Jahr für den Skulpturenpfad zu bewerben. „Sie müssen alles im Gleichgewicht halten, auch wenn es instabil aussieht“, sagte Claus Bury zum Bürgermeister und erläuterte damit zugleich das Prinzip seines Werks. Vor fast genau einem Jahr hatte er sich hier vor dem Rathaus dazu inspirieren lassen. Den Unwissenden, die beim Blick auf den rotbräunlichen Skulpturenfuß, der unter dem Vorhang herauslugte, schon an Rostschutzmittel dachten, erklärte er: „Das ist kein Rost, sondern Patina.“ Corten-Stahl sei eine Sonderlegierung aus Eisen und Kupfer. Die Farbe finde sich in Herbstblättern und Rinde – und in den Rathausklinkern. Wenn Bury von dem Material schwärmt, dann sieht man, der Corten-Stahl bereitet ihm sinnliches Vergnügen. Der Künstler strahlt und lädt die Gäste ein, „mit der Skulptur gedanklich zu tanzen“. Da fallen endlich die schwarzen Hüllen. Und die Besucher sehen ein elegant geschwungenes Gebilde aus Kreisen, Ellipse und zwei Balken. Leicht, fast fragil wirkt das tonnenschwere Metall. So als könne es sich jeden Moment auf die eine oder andere Seite neigen. Harmonie strahlt es aus. Größte Harmonie trotz größter Spannung, nach diesem Grundsatz haben schon die Bildhauer im antiken Griechenland gearbeitet. Spontaner Applaus. Den Gästen gefällt es. Sogar denen von der FDP. Niemand schimpft mehr über moderne Kunst. Und der liberale Fraktionschef Michael Geurts sagt: „Dem einen gefällt die Form, dem anderen die Patina.“ Er habe nichts gegen die Skulptur, aber ihn habe die Vorgehensweise der Kulturstiftung gestört. Immerhin gehe es um öffentlich Gelder. „Nächstens sollte so etwas öffentlich diskutiert werden und nicht von einem erlauchten Kreis von Spezialisten.“